Die Taranteln

Von J. R. Nyquist, 9. 6. 2020

(Englischer Originalartikel hier. – Autorisierte deutsche Übersetzung: Der Kontemplative Beobachter.)

l

„Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier hängt ihr Netz: rühre daran, daß es erzittert.“ (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen; Zweiter Teil)

l

Nietzsche schrieb an die Taranteln: „Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beißest, da wächst schwarzer Schorf…“ Die Taranteln in Nietzsches Parabel predigen Gleichheit. Doch ist ihr Predigen nicht ehrlich.

Nietzsche wollte die Motive der Taranteln bloßstellen und schalt ihre Rachsucht mit Gelächter. „Darum,“ schrieb Nietzsche, „reiße ich an eurem Netze, daß eure Wut euch aus eurer Lügen-Höhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort ‚Gerechtigkeit‘.“

Nietzsche warnte: „Aber anders wollen es freilich die Taranteln. ‚Das gerade heiße uns Gerechtigkeit, daß die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache‘.“ Ihr „Wille zur Gleichheit“ ist zur Grundlage eines falschen Bewertungssystems geworden. Die Taranteln von heute sind besser bekannt als „Social Justice Warriors“. Sie sind, um mit Nietzsche zu sprechen, „gegen alles, was Macht hat.“ Doch maskiert dieser Aufschrei gegen die Macht nur die Machtgier der Taranteln selbst.

Vor vielen Jahren konfrontierte ich einen politischen Aktivisten, dessen maßloses Verlangen nach Macht sich plötzlich offen zeigte. Anstatt irgendetwas zu verbergen oder zu leugnen, sagte er zu mir: „Ich will nicht ein Insekt sein wie mein Vater.“ Zu dieser Art von schockierendem Eingeständnis hatte Nietzsche, als der Psychologe des „Willens zur Macht“, folgendes zu sagen:

Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entblößtes Geheimnis.

Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert – sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist’s nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.

Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und dies ist das Merkmal ihrer Eifersucht – immer gehn sie zu weit: daß ihre Müdigkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muß.

Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein Wehetun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.

Nietzsche warnte seine Leser, sie sollten allen mißtrauen, „in welchen der Trieb, zu strafen, mächtig ist!“ Aus solchen Gesichtern „blickt der Henker und der Spürhund.“ Sie sind in Wirklichkeit Prediger des Todes. Nietzsche sagte: „… gerade sie waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.“

Die Welt wird nie ein Paradies sein, in dem jeder in gleichem Maß alles hat. Es gibt keine Aussicht auf universalen Frieden. Die Art und Weise, wie dieses Leben, diese Welt gemacht sind, ist dazu da, daß die Seele durch Schwierigkeiten aller Art zur Reife gelangt. Der Weg, der dem Menschen bestimmt ist, ist nicht ein sozialistisches Utopia. Der Weg des Menschen ist ein Weg bergauf, auf dem man klettern muß. Jedes Individuum klettert in seiner eigenen Geschwindigkeit. Es ist nicht eine Welt, in der die besten Kletterer gezwungen werden sollten, ihre Schritte umzukehren, um derer willen, die sich weiter unten befinden. Laut Nietzsche braucht die Welt Höhe, was wiederum Stufen braucht und „Widerspruch der Stufen“.

Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.

Wenn ich Nietzsche zitiere, unterschreibe ich nicht seine Philosophie. Doch wenn ein Mensch wertvolle Einblicke anzubieten hat, ist es am besten, diese Einblicke zur Kenntnis zu nehmen. Die Social Justice Warriors von heute sind keine Befreier. Sie sind Kerkermeister. Sie helfen nicht den Frauen, oder den Minderheiten; sie zerstören das Land.

Als der Psychologe des „Willens zur Macht“ sah Nietzsche, daß sich etwas unglaublich Gefährliches im Geist des Westens, und in Deutschland, kristallisieren würde. Bei der Erläuterung seiner Positionen war Nietzsche weder Rassist noch Antisemit. Er verabscheute deutschen Chauvinismus. Er verabscheute Sozialismus, Nationalismus und Kommunismus. Es ist dies eine jener Ironien der Geschichte, daß Hitler Nietzsche als Unterstützung für seine Demagogie benützte, als er sich mit der Schwester des verstorbenen Philosophen traf und Mussolini eine Ausgabe von Nietzsches Gesammelten Werken schenkte. In Wahrheit pervertierte Hitler, was er bei Nietzsche fand – nicht zuletzt, um seine eigene Karriere als ultimative Tarantel, seine Rachsucht und Machtgier zu maskieren.

Wenn wir die Schriften Friedrich Nietzsches erforschen, finden wir jemanden, der um die Zukunft Europas fürchtete, der vor der Ankunft des „Europäischen Nihilismus“ warnte. Dieser Nihilismus eröffnet den Taranteln freie Bahn, denn wenige sind in der Lage, standzuhalten. Nihilismus erfüllt die Menschen mit Zweifel. Dieser Zweifel verwandelt sich rasch in Verzweiflung. Aus Verzweiflung wird Selbstmitleid. Aus Selbstmitleid entsteht die Politik des Opfers. Wir erreichen hier einen Punkt von absolutem Zynismus – einen Punkt, an dem der Glaube in sich zusammenbricht. Und dort steht die Tarantel mit ihrem „neuen Glauben“. Sie bietet ihnen „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“ an. Aber Nietzsche warnte, die Tarantel wäre angetrieben von Neid. Sie ist besessen von Rache und giert nach der Macht.

Sind sie bereit, sich den Taranteln anzuschließen? Sie fordern sie auf, jetzt, ihr Knie zu beugen. Viele werden es tun, und sie haben keine Ahnung, was sie damit entfesseln werden. Die Leute, die sie solcherart unterstützen, sind nicht psychologisch normal. Es ist ein Prozeß des Zerfalls. Was wir nach all den Jahren der Stabilität und des Wohlstands vergessen haben, ist, daß alle Institutionen zerbrechlich sind; daß das Leben selbst zerbrechlich ist.

Die Macht der Taranteln wächst. Viele Regierungen, auf lokaler Ebene oder auf der Ebene von Bundesstaaten, sind in ihrer Hand. Die Mainstream-Medien sind in ihrer Hand, und viele Publikationen. Ein Beispiel soll genügen:

Wenn man die Seiten des Atlantic öffnet (der vor zwanzig Jahren mein Lieblingsmagazin war), findet man eine solche Konzentration von Gift, Bosheit und Haß, daß man, wenn man das ganze liest, entweder von einem so gewalttätigen und fundamentalen Haß auf Amerika vergiftet wird, daß man selbst zu einer Tarantel wird, oder sich auf immer gegen sie wendet.

Wenn jeder einzelne Artikel gegen das nationale Interesse Amerikas gerichtet ist, gegen amerikanische Gefühle gerichtet ist, gegen die Gründerväter, gegen den Präsidenten, gegen die Aufrechterhaltung einer Staatsgrenze – als wären all diese Dinge Manifestationen von „Faschismus“ –, muß man zum Schluß kommen, daß Taranteln dahinterstehen; denn alles segelt hier unter dem Banner von „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit“. Es ist so verurteilend wie ein Henker; unerbittlich; seine Pose von Vernunft ist unaufrichtig, und sein Geist so aufrührerisch wie jener der kommunistischen Erhebung, mit dem es sich ergänzt.              

l

© J. R. Nyquist 2020

__________________________________

              

Unterstützen Sie dieses Projekt, wenn Sie mögen, indem Sie „www.jrnyquistdeutsch.wordpress.com“ nach Kräften auf Blogs, Websites, in Diskussionsforen und Kommentarsektionen diskutieren und verlinken oder einfach Freunden, Verwandten und Bekannten von dieser Website erzählen.

Wenn Sie J. R. Nyquist persönlich kontaktieren möchten, klicken Sie bitte hier. Kommentare können auch auf dieser Artikelseite geschrieben werden. Vielen Dank.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s